Schutt und Schotter

Im Gseng erstreckt sich eine mächtige Schuttrinne unterhalb der Gsengscharte bis in den Talboden zum Johnsbach.Die Steilheit der Berge im Nationalpark Gesäuse und die relativ rasche Verwitterung des Kalkgesteins, besonders des Dolomits, bedingen eine sehr hohe Dynamik in den Bereichen der zahlreichen Schuttrinnen. Nach starken Regenfällen werden große Mengen an Material talwärts transportiert. Vor allem in Form der meist trocken gefallenen Schuttgräben (Gseng, Langgries, u.a.) und der Geschiebeflächen entlang von Johnsbach und Enns („Schotterbänke“) ist das Erosionsmaterial die Grundlage für einzigartige Lebensräume und ein wesentliches Charakteristikum des Gesäuses. Sie sind besonders schützenswert, da sie mittlerweile in ganz Mitteleuropa aufgrund der Verbauungstätigkeiten und Schuttentnahmen selten geworden sind. 

Wildbäche - Schuttrinnen - Schuttgräben

Das zierliche Alpen-Leinkraut zählt zu den wenigen Besiedlern des Regschuttes.Die Schuttrinnen und -gräben stellen als Lebensraum durch das permanente „Geschiebe“ der Schuttmassen eine besondere Herausforderung für die darin siedelnden Pflanzen dar. Die Anzahl an Arten ist überschaubar, da nur wenige Spezialisten es schaffen, sich auf Dauer zu etablieren. Viele der Pflanzen sind äußerst regenerationsfähig und verankern sich durch lange, starke Wurzeln im Schutt.

In jenen Bereichen, in denen der Schutt über längere Zeit zur Ruhe kommt, setzt ein charakteristischer Entwicklungsvorgang ein. Das Pionierstadium wird durch die Pestwurz geprägt, welche mit ihrem tief reichenden und weit verzweigten Wurzelsystem als wichtiger Stabilisator auftritt. In weiterer Folge kommt ein Lavendel-Weidengebüsch auf, das oft von weiteren Gehölzarten wie der Großblättrigen Weide, dem Ahorn oder der Rotföhre durchsetzt ist. Bei weiterer Beruhigung der Schotterterasse wird je nach Standortsverhältnissen entweder ein Schneeheide-Rotföhrenwald oder ein Latschengebüsch die Dauergesellschaft in dieser dynamischen Erosionslandschaft bilden.

Schotterbänke - Leben am und im Fluss

Eine Schotterbank entlang des Johnsbaches. Weiden und Pestwurz sind typische Besiedler solch dynamischer Lebensräume.Die Schotterbänke an der Enns und am Johnsbach gelten ebenfalls als sehr sensible Lebensräume. Sie sind ein Kennzeichen von Fließgewässern mit naturnaher, unverbauter Struktur. An diesen Extremstandorten, die von regelmäßigen Überflutungen, Umlagerungen, hoher Einstrahlung, starken Temperaturschwankungen und einem geringen Nahrungsangebot geprägt sind, vermögen nur wenige sehr spezialisierte Tier- und Pflanzenarten zu überleben. Flussverbauungen, Begradigungen und Kraftwerksbauten haben in den letzten 100 Jahren beinahe alle Wildflussstrecken in Österreich zum Verschwinden gebracht. Damit sind auch die mit diesen Lebensräumen verbundenen Lebewesen großteils in ihrem Bestand akut gefährdet. Die Deutsche Tamariske etwa ist aus dem Gebiet bereits völlig verschwunden. Ein Wiederansiedelungsprojekt im Nationalpark Gesäuse, im Zuge dessen junge Tamarisken gezüchtet und ausgebracht werden, soll dieser, europaweit sehr seltenen Art im Gesäuse wieder Lebensraum verschaffen.