Orchideenvielfalt im Gesäuse

Der Frauenschuh, die größte heimische Orchidee im Gesäuses.Aufgrund der vielfältigen und naturnahen Lebensräume findet man im Gesäuse zahlreiche Orchideenarten. Im Nationalpark und seiner näheren Umgebung sind über 50 Arten bekannt. Die farbenprächtigen Orchideen lassen sich leicht im Rahmen einer Wanderung oder bei einer geführten Tour mit einem fachkundigen Nationalpark-Ranger entdecken.

Eine ganz besondere Art ist der Frauenschuh, die größte heimische Orchidee. Sie steht unter strengem Schutz und zeichnet sich über eine sehr spezielle Fortpflanzungsbiologie aus.

Täuschen und tarnen…

In vielen Fällen sind den zahlreichen Blütenformen der Orchideen ganz spezielle Funktionen zugeordnet. Am Beispiel des Frauenschuhs sei dies nun noch genauer erläutert. Die gelbe Farbe der pantoffelartigen Lippe und der Duft, der etwas an Vanille erinnert, locken zahlreiche Insekten an. So können zum Beispiel Käfer, Hummeln, Schwebfliegen, Fliegen und Taubenschwänzchen an den Blüten beobachtet werden. Doch sie alle können nichts zur Bestäubung, bei der Pollen einer Pflanze auf die Narbe einer nicht verwandten Pflanze übertragen wird, beitragen.

Die Bestäubung, und damit die Sicherung von genetischer Durchmischung, kann lediglich von kleinen Wildbienenarten erfolgen. Dabei zeigt sich, dass die Bienen durch die schöne Farbe und den Duft getäuscht werden. Rutschen die Tiere erst einmal ins Innere der gelben Lippe (eine sogenannte Kesselfalle), müssen sie sehr bald bemerken, dass hier keinerlei Nahrung zu finden ist. Allerdings können die Tiere nicht sofort wieder aus dem Kessel entkommen. Der Weg über die große Öffnung nach oben ist durch eine sehr glatte Kesselinnenwand und einen nach innen gebogenen oberen Rand versperrt. Und ein Abfliegen ist durch den geringen Platz ebenfalls nicht möglich.

Doch der Frauenschuh bietet zwei „Notausgänge“, die über eine „Straße“ aus Haaren erreichbar sind. So wird das Tier gezielt zu einem der beiden Ausgänge, die sich links und rechts von der Blüte befinden, geleitet. Auf dem Weg in die Freiheit muss die Biene allerdings erst unter der grünen Narbe durchkriechen. Hat die Biene zuvor schon eine andere Frauenschuhblüte besucht, trägt sie auf ihrem Rücken Blütenstaub den sie hier nun abstreift und auf diese Weise die Blüte bestäubt. Anschließend folgt die engste Stelle, durch die sich die Biene ins Freie zwängen muss. Dichte Haare an der Unterseite und ein Staubblatt an der Oberseite verengen den Ausgang so sehr, dass die Biene einiges an Kraft aufbringen muss, um sich aus der Blüte zu befreien. Der Ausgang ist gerade so groß, dass sich die kleinen Wildbienen hindurchzwängen können. Dabei wird die klebrige Pollenmasse vom Staubblatt auf den Rücken der Biene abgegeben. Dieser Pollen wird in der nächsten Blüte wieder der Bestäubung dienen.

Für die viel größere Honigbiene, oder gar Hummeln ist der enge Ausgang viel zu klein. So sie in die Blüte geraten, können diese Tiere– bedingt durch ihre Größe – den Kessel wieder über die große Öffnung nach oben verlassen.

Bestäubung FrauenschuhBestäubung FrauenschuhBestäubung Frauenschuh

Die Wildbiene ist in der Kesselfalle gefangen. Das Verlassen der Kesselfalle ist nur an einer Stelle möglich. An dieser Stelle wird das Pollenpaket auf den Rücken der Biene abgegeben. Die Biene hat nach Verlassen der Falle die Pollenmasse am Rücken (Pfeilspitze) und wird mit dieser die nächste Blüte bestäuben.

Mehr zu den Orchideen im Band 9 der Schriftenreihe des Nationalparks Gesäuse:
Kerschbaumsteiner H., Thaler R. & Hinterreiter H. (2012): Wildorchideen im Nationalpark Gesäuse Seite 152-155 oder im Band 4 zur Orchideenflora am Tamischbachturm von Kammerer H. & Thaler R. auf Seite 37-49.