Endemiten – Juwele im Gesäuse

Gentianella Stiriaca GreimlerEndemiten gelten als wahre Kostbarkeiten der Pflanzen- und Tierwelt. Unter Endemiten versteht man Arten die in ihrem Vorkommen auf ein bestimmtes geographisches Areal beschränkt sind. Die Gesäuseberge bergen hier einen oft unbeachteten Schatz einzigartiger Tiere und Pflanzen.

„Endemit“ - „endemische“ Art – Was ist das?

Das Spektrum reicht hier von Lokal-Endemiten die auf ein sehr kleines Gebiet beschränkt sind bis hin zu Arten, die auf einem ganzen Kontinent verbreitet sind und dennoch als Endemiten bezeichnet werden. Sprechen wir von den Endemiten der Gesäuseberge, dann handelt es sich um Arten, die nur in den Nordöstlichen Kalkalpen, also etwa vom Dachstein bis zum Schneeberg, vorkommen.

Da endemische Arten aufgrund ihres relativ kleinen Verbreitungsareals meist von Natur aus selten sind, sind dies oft auch Arten die besonderen Schutz bedürfen. Besonders der Erhalt ihrer natürlichen Lebensräume ist für ihr Fortbestehen von hoher Wichtigkeit.

Endemiten-Hotspot Gesäuse?

Das Gesäuse zeichnet sich durch seinen besonderen Reichtum an endemischen Arten aus. Dies beruht auf der Geschichte der Gesäuseberge welche während der letzten Eiszeit am Rande des alpinen Gletschersschildes lagen. Während andere Gebirgsgruppen von mächtigen Gletschern bedeckt waren, gab es im Gesäuse angrenzend lokale, unvergletscherte Refugien, wo einige Arten überdauern konnten. Zudem wurden genau diese Standorte nach dem Rückgang der Gletscher rasch wieder besiedelt. Zu den Endemiten zählen vor allem viele „alte“ Arten die zuvor schon mehrere Eiszeiten überdauert haben. Diese Arten weisen oft auch eine reduzierte Ausbreitungsfähigkeit auf (z.B. alpine Landschnecken). Daher konnten sie sich auch nach der Eiszeit nicht weiter verbreiten und blieben nur lokal bestehen.

Der Nationalpark Gesäuse ist mit einer Anzahl von aktuell nachgewiesenen 150 endemischen Tier- und 30 endemischen Pflanzenarten der Endemiten-Hotspot in Österreich! Also jener Ort, wo Endemiten in der höchsten Dichte auftreten. Einige davon möchten wir hier vorstellen.

Endemische Tierarten

Nördliches RiesenaugeDas Nördliche Riesenauge - Megabunus lesserti

Spinnentiere im Gesäuse sind mit sechs endemischen Weberknechten und 12 Spinnenarten prominent vertreten. Das Nördliche Riesenauge, das seinem Namen alle Ehre macht, lebt auf den senkrechten Kalkfelsen der Alpinstufe.

ArctaphaenopsSteirischer Nordostalpen-Blindkäfer- Arctaphaenops angulipennis styriacus

Er ist blind, lebt versteckt und kommt nur in Österreich vor. Auf seine Lebensweise in Höhlen ist er durch fehlende Augen, reduzierte Färbung und lange Tasterborsten optimal angepasst. Seit seinem weltweit erstmaligen Fund im Gesäuse vor achtzig Jahren wurde dieser Höhlenlaufkäfer lediglich in wenigen Exemplaren in kaum einem Dutzend Höhlen gefunden. Das Verbreitungsgebiet des Käfers erstreckt sich vom Nationalpark Gesäuse über den Dürrenstein bis zum Ötscher.

Tasterläufer - Eukoenenia spelaea spelaeaEukoenenia

Der Tasterläufer Eukoenenia spelaea spelaea ist ein blinder Zwerg mit zweigeteiltem Körper, mächtigen Zangen (Cheliceren), laufbeinartigen Tastern und wie bei Spinnentieren „Vorschrift“ – vier Laufbeinpaaren. Besonders eigenartig erscheint die lange „Antenne“ (wirtelig behaarter Schwanzfaden) am Körperende von der man noch nicht weiß wozu sie eigentlich dient. Die Art ist ein Alpenendemit und bisher nur von 4 Lokalitäten in Österreich belegt.

Leucra AstridaeAstrids Steinfliege - Leuctra astridae

Eine kleine Sensation gelang 2005 mit dem Nachweis dieser Steinfliegenart an mehreren Quellen im Nationalpark Gesäuse. Astrids Steinfliege wurde als weltweit neue Art für die Wissenschaft beschrieben und ist bis heute nur aus dem Gesäuse bekannt. Ihre nächsten Verwandten finden sich in den Westalpen, was darauf hindeutet, dass sich die Arten möglicherweise erst nach der Trennung während der Eiszeiten aus einem gemeinsamen Vorfahren entwickelt haben.

Endemische Pflanzenarten

FedernelkeDie Zierliche FedernelkeDianthus plumarius blandus

Diese Nelkenart besiedelt vor allem Rohschuttstandorte in der Bergwaldstufe. Typische Lebensräume sind lichte Latschengebüsche, Föhrenwälder und felsige Rasen. Die Art gilt in der Region als stark gefährdet. Zahlreiche Standorte wurden durch Schuttentnahmen, oder Ablagerungen von Fremdmaterial zerstört.

AlpenmohnDer Nordöstliche Alpen-MohnPapaver burseri

Diese zierliche Art ist charakteristisch für die Kalk- und Dolomitschuttfluren. In den Gesäusebergen findet man ihn sowohl in den Schuttfluren der hohen Lagen, als auch in den talnahen Schuttrinnen die sich Richtung Enns und Johnsbach erstrecken. In der Steiermark steht diese Art unter Schutz.

GlockenblumeDie Österreich-GlockenblumeCampanula pulla

Diesen Endemit findet man in der montanen bis subalpinen Stufe. Bevorzugte Lebensräume sind schnee- und rieselfeuchte Bereiche in Karbonatschneetälchen und –schneeböden, Karbonatfelswände und –schutthalden. In Österreich gilt die Art nicht als gefährdet.

ClusiusprimelDie Clusius-PrimelPrimula clusiana

Die Hauptverbreitung der Clusius-Primel liegt im subalpinen bis alpinen Bereich in den Hochgebirgs-Karbonatrasen. Der ausdauernde Hemikryptophyt (mehrjährige Pflanze deren Überdauerungsknospen an der Erdoberfläche liegen und so im Winter durch Laub, Schnee etc. geschützt sind) besticht durch seine schönen rosa Blüten mit weißem Schlund die von Tagfaltern bestäubt werden. In Österreich ist sie nicht gefährdet.

Liste der endemischen Tiere im Gesäuse:

Weichtiere 7 Arten
Krebstiere 3 Arten
Spinnen 12 Arten
Weberknechte 6 Arten
Hornmilben 3 Arten
Doppelfüßer 9 Arten
Urinsekten 7 Arten
Steinfliegen 1 Art
Wanzen 2 Arten
Käfer 39 Arten

 

Liste der endemischen Pflanzenarten im Gesäuse:

Nordostalpen-Mohn Papaver alpinum ssp. alpinum
Zierliche Federnelke Dianthus plumarius ssp. blandus
Österreichische Glockenblume Campanula pulla
Steirischer Kranzenzian Gentianella stiriaca
Alpen-Nelke Dianthus alpinus
Ennstaler Frauenmantel Alchemilla anisiaca
Steirischer Frauenmantel Alchemilla stiriaca
Östereichisches Alpenglöckchen Soldanella austriaca
Clusius-Primel Primula clusiana
Sternhaar-Felsenblümchen Draba stellata
Alpen-Täschelkraut Thlaspi alpinum = Noccaea crantzii
Traunsee-Labkraut Galium truniacum
Clusius-Schafgarbe Achillea clusiana
Schwarzrandige Margerite Leucanthemum atratum
Bleicher Kurzrispen-Bunt-Schwingel Festuca versicolor ssp. pallidula
Eigentlicher Kurzrispen-Bunt-Schwingel Festica versicolor ssp. brachystachys
Eigentlicher Ostalpen-Bunt-Schwingel Festica varia var. varia
Österreichische Wolfsmilch Euphorbia austriaca
Nordöstliche Alpen-Küchschelle Pulsatilla alpina ssp. schneebergensis
Österreichisches Brillenschötchen Biscutella laevigata ssp. austriaca
Weißer Österreich Bärenklau Heracleum austriacum ssp. austriacum
Österreich-Sesel Seseli austriacum
Österreichisches Ähren-Läusekraut Pedicularis rostratospicata ssp. rostratospicata
Farnblatt-Läusekraut Pedicularis aspleniifolia
Echter Speick Valeriana celtica ssp. norica
Honig-Labkraut Galium meliodorum
Norisch-Labkraut Galium noricum
Kerner-Lungenkraut Pulmonaria kerneri
Sauter-Felsenblümchen Draba sauteri
Windröschen Schmuckblume Callianthemum anemonoides