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Zur Geologie und Geomorphologie des Gesäuses

Das Gesäuse - Ein Teil der Nördlichen Kalkalpen

Mit einer Breite zwischen 30 und 50 km erstrecken sich die Nördlichen Kalkalpen vom Alpenrhein im Westen bis zum Wiener Becken im Osten. Bis auf die jüngste geologische Geschichte, entstanden ihre Gesteine im Meer.

250 Millionen Jahre Erdgeschichte

Die Entstehung der Alpen ist eng mit geologischen Vorgängen verbunden, die die ganze Welt verändert haben. Vor 250 Millionen Jahren gab es nur einen Kontinent auf der Erde. In diesen erstreckte sich von Osten her eine riesige Meeresbucht, die Tethys. Auf dem Meeresschelf, dem vom seichten Meer bedeckten Teil des Kontinents, entstanden am Ende des Erdaltertums und zu Beginn des Erdmittelalters (geologische Zeitalter Perm und Trias) die ersten Gesteine der Kalkalpen.

Als der Riesenkontinent zu Beginn des Juras vor 190 Millionen in die heutigen Kontinente zu zerfallen begann, hatte das bedeutende Auswirkungen auf die Alpen: Ein Ozean bildete sich und wurde breiter.

Er trennte den Meeresschelf mit den Gesteinen der Alpen von dem übrigen Kontinent ab. Dadurch entstand ein kleiner, eigenständiger Kontinent. Aber nur für die „kurze“ Zeit von 90 Millionen Jahren. Dann begann sich Afrika in seine heutige Lage zu schieben.

Das Band der Nördlichen Kalkalpen zwischen Wienerwald und Rätikon

Geologische Karte. Die nördlichen Kalkalpen sind blau markiert (mit Genehmigung der Geologischen Bundesanstalt)

Im späteren Mittelmeerraum wurde es dadurch eng und der kleine, vom Meer bedeckte Kontinent wurde zurück, in Richtung des bereits von den anderen Erdteilen abgetrennten Ur-Europa gedrängt. Der dazwischen liegende Ozean wurde immer schmäler (Gesteine davon finden sich heute in den hohen Tauern) und schließlich schob sich der kleine Kontinent über den Rand- Ur-Europas. Dadurch entstanden die Alpen.


Gesteinsdecken

Ursprünglich schlossen die Nördlichen Kalkalpen an die Kalkzone im Süden der Alpen an. Als das neu entstehende Gebirge langsam anstieg, begann der Kalkalpenanschnitt – er war immer noch größtenteils vom Meer bedeckt und Gesteine bildeten sich darauf – mit Teilen seiner Gesteinsunterlage in seine heutige Lage zu gleiten. Teile der Kalkalpen schoben sich kilometerweit übereinander. Die ursprüngliche Unterlage der Kalkalpen bildet die im Süden gelegene Grauwacken- oder Schieferzone. Die übereinander geschobenen Teile werden Decken genannt und die Alpen als Deckengebirge bezeichnet.

Hier können Sie sich die Geologische Karte des Gesäuses von O. Ampferer (1935) bestellen:

Geologische Bundesanstalt Wien
(Geokarten - Geologische Gebietskarten)

Das Band der Nördlichen Kalkalpen zwischen Wienerwald und Rätikon  
Tiefe Klüfte im Kalksteinkalk der Hochtor-Gruppe sind Zeugen der enormen Kräfte, die zur Entstehung der Alpen führt.

Kalk und Dolomit

Kalk und Dolomit sind die am weitesten verbreiteten Gesteine der Kalkalpen. Während Dolomit leicht zerfällt, ist Kalk ein festes Gestein. Er bildet deswegen die über 2000 m aufragenden Gipfel der Ennstaler Alpen, die daher ein Teil der Kalkhochalpen sind. Die nördlich gelegenen Berge bestehen größtenteils aus Dolomit. Sie haben kaum Felswände und werden deswegen zu den Kalkvoralpen gerechnet. Noch auffallender ist der Gegensatz am Südrand der Ennstaler Alpen. Hier schließen sanften Berge der Grauwackenzone an, die zu einem großen Teil aus den leicht zerfallenden Schiefergesteinen besteht. Ursprünglich waren es Ton, Kalk und Gesteine aus Vulkanausbrüchen, die während des Erdaltertums in dem Zeitraum zwischen 450 und 375 Millionen Jahren entstanden sind. Als sie gegen Norden glitten, wurde unter dem enormen Gewicht der darüber liegenden Kalkalpen und die höheren Temperaturen der Ton zu Schiefer und Kalk zu Marmor umgewandelt. Die Grauwacke ist reich an Erzlagerstätten, die zum Teil schon vor 3500 Jahren abgebaut wurden. Die größte dieser Lagestätten ist der Erzberg.

Das Band der Nördlichen Kalkalpen zwischen Wienerwald und Rätikon  
Überall im Gesäuse bildet Dachsteinkalk die Gipfelregionen über zerfurchtem Dolomit.

Lagunen und Riffe

Der die Gipfelregionen bildende Dachsteinkalk ist im Gesäuse bis 800m dick. In den Buchsteinen und in der Hochtorgruppe besteht er aus Kalkbänken. Sie sind zwischen 2 und 20 m dick und entstanden in einer seichten Meereslagune aus Kalkschlamm. Fast überall sind darin die dicken Schalen der „Kuhtritt“- Muscheln (wissenschaftlich Megalodonten) zu sehen. Riffe begrenzten die Lagunen gegen das tiefe, offene Meer. Der Rest eines Riffs ist der Admonter Reichenstein. Kalkbänke sind hier keine und auf glatten Oberflächen sind die Reste von Algen, Meeresschwämmen und Korallen sehen.

Den Sockel der Felswände bildet Dolomit. Beim Klettervolk verhasst, ist er das prägende Element im Johnsbachtal oder im Hinterwinkel. Der Dolomit entstand aus Kalkgerüsten von Algen. Sie lebten in einem Meeresteil mit überdurchschnittlich hohem Salzgehalt. Die Ablagerung von Dolomit wurde einmal unterbrochen, als der Meeresspiegel stark gesunken war. Flüsse, die im Norden Europas ihren Ursprung hatten, lagerten große Mengen von Schlamm und Sand ab. Nach dem Ort Raibl in Südtirol werden die Ablagerungen Raibler Schichten genannt. Danach setzte das Algenwachstum und die Bildung von Dolomit von Neuem ein. Das Band von Raibler Schichten zieht sich durch die gesamten Gesäuseberge. Der Dolomit unterhalb wird nach dem gleichnamigen Gebirge in Tirol Wettersteindolomit genannt, nach der Unterbrechung entstand der Hauptdolomit. In den darüber liegenden Felswänden geht er in den Dachsteinkalk über.

Als der kleine Kontinent vor 190 Millionen Jahren gegen Süden und später wieder zurück in Richtung Ur-Europa geschoben wurde, wurden die Gesteine stark zusammen gepresst. Dadurch entstanden viele größere und kleineren Klüfte, an denen die Gesteine mehr oder minder stark verschoben sind. Da Teile gehoben wurden, andere aber sanken, bildete sich große Höhenunterschiede unter dem Meeresspiegel. Sie bewirkten, dass die neu abgelagerten Gesteine nur mehr in kleinen Flecken auftraten und nicht mehr so weit verbreitet waren wie etwa der Dolomit. In großer Meerestiefe entstand der Fleckenmergel, der den Abschluß des Sulzkars rund um den „Sulzkarhund“ bildet. Dunkle Flecken in dem weichen Tongestein sind Spuren von Würmern, die in den Ablagerungen des Meeresbodens wühlten. 

 
Der Dachsteinkalk der Planspitze entstand in einer seichten Meereslagune und besteht aus zahlreichen Kalkbänken.
 
Der Dachsteinkalk des Admonter Reichensteins entstand in einem Riff am Rand der Lagune.
 
Korallen wie die abgebildete, Algen und Meeresschwämme bildeten das Riff des Admonter Reichensteins.

Aufsteigen aus dem Meer

Vor 90 Millionen Jahren, gegen Ende Kreidezeit, ragten bereits Teil der Kalkalpen als Inseln aus dem Meer. Gesteine aus der Kreidezeit, wie sie im Lauferwald bei Weng auftreten, wo auch Kohle gewonnen wurde oder weiter östlich bei Gams, fehlen im Gesäuse selbst. Vor 40 Millionen Jahren, im Paläogen (dem früheren Alttertiär) endete die Meeresbedeckung in den Kalkalpen. Das nördlich der Alpen gelegene heutige Alpenvorland war nach wie vor von Meer bedeckt.

Die Kalkalpen waren vor 30 Millionen Jahren ein Hügelland. Die Hebung der Alpen zum Gebirge begann weiter im Süden, in den aus Schiefern und Gneis bestehenden Zentralalpen und der Grauwackenzone. Hier entsprangen Flüsse und überquerten das Hügelland der Kalkalpen in Richtung Meer überquerten. Dabei begruben sie die Oberfläche der Kalkalpen unter einen riesigen Schotterdecke. Vor 10 Millionen Jahren begann auch die Hebung der Kalkalpen und fast aller Schotter wurde von den Flüssen zum Alpenvorland geschwemmt. Nur kleine Reste haben sich in Spalten und Höhlen erhalten. Wie das Weiße in den Augen erscheint der darin häufige Quarz und deswegen werden sie als Augensteine bezeichnet. Im Gesäuse sind sie überall in der Furche zwischen Heßhütte und Jägerhofalm zu sehen.

Das Band der Nördlichen Kalkalpen zwischen Wienerwald und Rätikon  
Vor 30 Millionen Jahren waren die Kalkalpen noch ein Hügelland. Aus dieser Zeit stammen Flussschotter unterhalb der Hesshütte.

Eiszeit

Vor 850.000 Jahren setzte die Eiszeit in den Ostalpen ein. Richtig kalt war es nur in vier Kälteperioden, die im Durchschnitt 100.000 Jahre dauerten. Dazwischen war es zeitweise wärmer als heute. Doch selbst in den Kälteperioden der Eiszeit war es nicht immer kalt. Vor 35.000 Jahren war das Klima im Hochgebirge so günstig, dass Höhlenbären, die sich vor allem von Pflanzen ernährten, dort genügend Nahrung fanden. Sie hielten ihren Winterschlaf in der Bärenhöhle im Hartelsgraben. Knochenfunde zeigen allerdings, dass viele den Winter nicht überlebten.

Aus dem Gesäuse kennen wir nur Spuren der letzten Kälteperiode, die vor 120.000 Jahren einsetzte und bis zum Ende der Eiszeit vor 12.000 Jahren dauerte. Von einem riesigen Gletschergebiet, das fast ganz Westösterreich bedeckte, erstreckte sich ein Gletscher durch das Ennstal bis zum Gesäuse-Eingang bei Weng. Hier staute sich das Eis und wich über den Buchauer Sattel aus. Im Gesäuse selbst bildeten sich ebenfalls Gletscher. Sie nahmen von den Karen (Roßschweif, Sulzkar, Tellersack, Hinterwinkel) ihren Ausgang. Ein großer Gletscher füllte auch das Sulzkar. Am Ende eines Gletschers schmilzt das Eis. Ein Teil der Steine, die das Eis immer in großen Mengen mitschleppt, bildet die Moränen. Es ist eine Mischung von fein zermahlenen und größeren Steinen, wie sie unter anderem am Ausgang des Weißenbachtals östlich von Gstatterboden weit verbreitet ist. Die anderen Steine wurden vom Schmelzwasser in die Enns geschwemmt. In der Strömung abgerundet, wurden sie zu Geröllen. Sobald die Kraft der Strömung nachließ, wurden sie als Schotter abgelagert. Auf solchem Schotter steht das Hotel in Gstatterboden. Die Enns abwärts sind schräg liegende Schotterschichten oberhalb der Bahntrasse angeschnitten. Unterhalb des Gesäuses bilden Schotter aus der Eiszeit das Waagplateau bei Hieflau und begleiten von da an die Enns bis zur ihrer Mündung.

Das Admonter Becken vor dem Gesäuseeingang 
Das Skelett eines 6 Monate alten Höhlenbären aus der Bärenhöhle im Hartelsgraben. Foto: Naturhistorischen Museum Wien
Das Band der Nördlichen Kalkalpen zwischen Wienerwald und Rätikon  
Vom Tellersack, einem ehemaligen Kar, erstreckte sich während der Eiszeit ein Gletscher talwärts.

Nach der Eiszeit

Mit der Klimaerwärmung am Ende der Eiszeit vor 12.000 Jahren - es gab sie damals schon - schmolzen sämtliche Gletscher in den Alpen, unter ihnen der Ennsgletscher und die Gletscher im Gesäuse. Das Gewicht und das langsame Fließen des Eises hatten das Ennstal so stark abgeschliffen, dass es oberhalb des Gesäuses um 200 m tiefer als heute war. Es füllte sich mit Wasser und in diesem großen See lagerten sich Ton, Schotter und Sand ab, so dass er bald verlandete. Auf der Oberfläche entstanden die Hochmoore des Ennstals wie das Wörschacher Moor, das Pürgschachener Moor und das Frauenberger Moor. Die großen Mengen an Pflanzenresten, die im Moor gespeichert sind bewirken, dass die Oberfläche in der Mitte höher ist als an den Seiten. Deswegen heißen sie Hochmoore. 

Das Admonter Becken vor dem Gesäuseeingang
Nach dem Ende der Eiszeit vor 12.000 Jahren lagerten sich im Admonter Becken 200m Schotter, Sand und Ton ab.

Landschaft

Die Gesäuseberge bilden Bergketten nördlich und südlich der Enns. Die Hochfläche des großen Buchsteins in der nördlich gelegenen Bergkette ist ein Relikt aus  derzeit vor 30 Millionen Jahren. Deutlich tritt der Gegensatz zwischen den Dolomit und dem Dachsteinkalk in der Landschaft hervor. Der Dolomit zerfällt in kleine Stückchen, wird aber durch Wasser nicht gelöst. Dieses rinnt daher an der Oberfläche ab und bildet dort unzählige größere und kleinere Rinnen. Auch die Bachläufe, sind voll von Dolomitschutt.
Verglichen mit dem Dolomit erscheinen die vom Dachsteinkalk gebildeten Felswände von ferne fast glatt. An Klüften können sich allerdings riesige Felsblöcke lockern und zu Tal stürzen. Ein 20.000 m³ großer Block hat sich 2001 an der Planspitzen-Nordwand gelöst. Auch unterhalb des Himbeersteins am Gesäuseeingang liegen zahlreiche größere und kleinere, herunter gestürzte Dachsteinkalk - Blöcke. Neben dem starken Gefälle sind sie der Grund für die Wildheit des Flusses im Ennskatarakt.

Das Band der Nördlichen Kalkalpen zwischen Wienerwald und Rätikon  
Die Hochfläche des Großen Buchsteins entstand vor 30 Millionen Jahren, als die Kalkalpen noch ein Hügelland waren.

Karst

Auf schrägen Kalkplatten wie dem Dachl treten in der Falllinie verlaufende, parallele Rinnen mit scharfen Kanten auf. Es sind Rinnenkarren. Die im abfließenden Wasser enthaltene Kohlensäure hat sie aus dem Kalk geätzt. In flacheren Teilen sind tiefe, oben abgerundete Karren zu finden. Diese Rundkarren sind unter einer Pflanzendecke entstanden. Diese hat das Wasser gespeichert, welches daher praktisch ohne Unterbrechung den darunter liegenden Kalk gelöst hat.
Lösungserscheinungen im Kalk werden als Karst bezeichnet. Sie treten nicht nur an der Oberfläche auf. Entlang von Klüften dringt das Wasser auch in den Kalk ein und löst diesen auf. An der Oberfläche bilden sich so die trichterförmigen Dolinen. Tiefer im Berginneren löst das Wasser Hohlräume in dem Kalk und bildet Höhlen. Zu den bekanntesten im Gesäuse zählen die Bärenhöhle im Hartelsgraben und der mehr als 600 m tiefe Stadelfeld-Riesenschacht. 

Das Band der Nördlichen Kalkalpen zwischen Wienerwald und Rätikon  
Kohlensäure im abfließenden Regen- und Schmelzwasser ätzte die Rinnen im Dachl aus dem Kalk. 

Heute

Natürlich gehen die Vorgänge, die zur Entstehung des Gesäuses geführt haben, weiter: Die langsame Hebung, das Einschneiden der Enns. Ständig findet auch die Zerstörung der Gesteine statt, durch die Lösung des Kalkes und die Sprengwirkung des Eises in Spalten statt selbst die Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht führen zu einem Zersplittern der Gesteine an der Oberfläche. Schutthalden geben Zeugnis, wie sehr die Gesteine diesen unsichtbaren Kräften ausgesetzt sind. Da das Wasser auf der Kalkoberfläche versickert ist diese wasserarm und nur mit einer dünnen, von vielen Steinen durchsetzten Humusschicht bedeckt (Rohböden, Rendzine). Der Trockenheit der Hochlagen stehen die Quellen gegenüber, die überall dort auftreten, wo sich das Wasser im Berginneren staut, etwa an dem Raibler Band oder im Tal. Wegen der Wasserlosigkeit sind viele Berge der Kalkalpen kaum erschlossen und bilden ursprüngliche, naturnahe Landschaften. 


Weitere Informationen:
Landschaftsformen und Besonderheiten

Das Band der Nördlichen Kalkalpen zwischen Wienerwald und Rätikon  
Sammelt sich im Felsspalt Humus, so können sich Pflanzen ansiedeln.

Über GeoLine ist das Gesäuse auch Teil der "Via GeoAlpina", eines internationalen geologischen Trails durch die Alpen.