Wann das unwirtliche Bergland mit seinen tief eingeschnittenen Tälern besiedelt wurde, bleibt im Dunkeln der Geschichte verborgen. Erst in der Bronzezeit finden wir Spuren von Siedlern.
Bergknappen
Verhüttungsstätten des begehrten Kupfererzes fanden die Montan-Archäologen im Johnsbachtal, aber auch auf Almen. Sie konnten anhand der Schlackenfunde nachweisen, dass im erzführenden Haselgebirge zwischen dem Palten- und dem Ennstal vor etwa 3.500 Jahren eine regelrechte Montan-Industrie bestanden hat, die größte in den Ostalpen.
Almbauern
Die Besiedelung im frühen Mittelalter erfolgte über das Paltental. Doch die nun ansässigen Bauern und Bergleute im Johnsbachtal waren dem Stift Admont untertan.
Die kleinen Bauernhöfe sind in den frühesten Urbaren (Zinsbüchern) des Klosters genau aufgelistet. Die Bauern bebauten den kargen Boden, betrieben vor allem auf den weiträumigen Almflächen Viehzucht und lieferten ihren Zinskäse an das Stift Admont ab.
Der gesamte Komplex des Gesäuses und weit darüber hinaus nach Norden gehörte dem Kloster. Es verwaltete seine Almen im "Johnsbacher Gebirg", wie das Gesäuse damals hieß.
Sennerinnen auf der Jagerhoferalm um 1910. (Postkartensammlung Josef Hasitschka)
Es sorgte dafür, dass die zahlreichen Bauern aus dem Admonttal Weideflächen erhielten, die im Kessel rund um das Kloster rar waren. So durften Admonter, Wenger und Haller Bauern in das "Johnsbacher Gebirg" ihre Kühe, Ochsen und Schafe treiben.
Auch die Wälder um Gstatterboden wurden als Almen genutzt. - Eine Rarität, wie es sie in den Alpen nahezu nirgends gibt: Almauftrieb bergab - denn Admont liegt höher als Gstatterboden. Zur Sommerzeit lebten auf den Almen des Johnsbacher Gebirges weitaus mehr Menschen als im Johnsbachtal selbst.
Holzfäller
Die Wälder des Gesäuses waren wertvoll, denn daraus konnte man Holzkohle erzeugen. Diese wurde in riesigen Mengen in den Hochöfen um Eisenerz und Hieflau und in den Essen der Hammerwerke in der "Eisenwurzen" verfeuert.
Der Kaiser als Landesfürst setzte es durch, dass das Kloster Admont seine Wälder für Eisenerz "reservieren" musste. Die k.k. ärarischen Holzfäller konnten seit 1630 die Eigentumswälder von Admont frei benützen. Sie stockten sie ab, warfen die Hölzer in die Enns, wo diese nach wilder Trift durch das Gesäuse beim Hieflauer Rechen verkohlt wurden.
Holzfäller aus der historischen Postkartensammlung von Josef Hasitschka
Kohlführer
Im Winter fuhren die Bauern mit den Kohlschlitten auf weiten Umwegen nach Hieflau zu den Hochöfen. Denn das Gesäuse war für Fuhrwerke unpassierbar. Der Waldbereiter Schlager von der "Innerberger Hauptgewerkschaft" baute im Jahre 1841 auf eigene Kosten einen Kohlfuhrweg durch das Gesäuse - eine Pioniertat im wahrsten Sinne. Nun konnten Handelsgüter wie Holz, Kohle, Salz oder Eisen direkt durch das Gesäuse transportiert werden.
Mönche
Das Stift Admont als Bezirkszentrum hatte für alle Amtsgeschäfte der Johnsbacher Bauern zu sorgen, die Almen und Jagdreviere zu verwalten, Streit zu schlichten, Hilfe bei Muren, Lawinen oder Seuchen zu stellen, die Brücken - immer wieder vom Johnsbach fortgerissen - zu erneuern. Die Geistlichen des Stiftes Admont sorgten für die Seelsorge der Bauern, Knappen und Holzarbeiter im Gesäuse. Sie errichteten eine Kirche in Johnsbach. Kultur im weitesten Sinne wurde durch die Seelsorger in das entlegene Bergdorf gebracht, ein Schulmeister und der Pfarrer unterrichteten die Kinder.
Die ersten Bergsteiger
Almbauern und Halterbuben bestiegen bereits vor Jahrhunderten den Großteil der Gesäusegipfel, lagen doch knapp darunter die Hochweiden ihres Viehs. Gelehrte Mönche im Nagelschuh stiegen im Biedermeier auf Buchstein und Kalbling, um deren Höhen zu vermessen. Auf Botanisierwanderungen gerieten sie in Gipfelregionen und erstiegen "nebenbei" den Festkogel. Ein jagdfreudiger Abt stand mit seinen Jägern auf der Gamspirsch bereits 1836 auf dem Hochtor.
Die Erschließer aus der Stadt
Die ersten Gesäuse-Pioniere reisten mit der "Kronprinz-Rudolfsbahn" (1872 eröffnet) ins Gesäuse - und mit der neuen Bahnlinie begann die eigentliche Erschließung. Heinrich Hess aus Wien bestieg das Hochtor und fand im Jahre 1877 mithilfe des einheimischen Holzmeisters Rodlauer einen Durchstieg durch die Nordwände: den Peternpfad. Die Alpine Gesellschaft "Ennstaler" erschloss das Gesäuse mit weiteren Steigen wie den Wasserfallsteig und mit Schutzhütten.
Mit Seil und Haken
Die klassischen Nordwandrouten waren von den Pionieren bereits um 1900 erschlossen.
In den "Wilden Zwanzigerjahren" des 20. Jahrhunderts begann mit der Eröffnung der Haindlkarhütte der nächste Ansturm auf die Nordwände. Diese ungestüme Risikobereitschaft führte zu vielen "Gipfelsiegen", hin und wieder aber auch zum Bergtod. Der Mythos "Gesäuse-Nordwände" ist geblieben.
Die Entwicklung des Gesäusebergsteigens in den letzten 50 Jahren ist schnell erzählt:
Die Sportkletterer schraubten die Schwierigkeitsskala allmählich bis zum 11. Grad. Damit die Touren des Gesäuses sicher und mit möglichst wenig Risiko erlebbar werden, haben junge, engagierte Kletterer und Bergretter die wichtigsten Kletterrouten durch gebohrte Sicherungshaken "saniert".
Ein mutiger Kletterer um 1900 (Westgrat Gr. Buchstein)
Vom "Mekka des Alpinismus" zum "Sanften Tourismus"
Bergsteiger, "Sommerfrischler" und Kulturbegeisterte wandern auch heute im Gesäuse und besichtigten das Stift Admont. Dem Wander- und Kultururlaub entspricht der "Sanfte Tourismus", dem sich die Region seit Jahrzehnten verschrieben hat.
Das Gesäuse mit seinem Prädikat "Nationalpark" wird der Tourismuswirtschaft dieser Region wieder Impulse geben.