"Aus meiner Sicht" - Gedankenrückblick von Nationalparkdirektor DI Werner Franek zum Buch:
Mit dem neuen Bildband unseres Nationalparks Gesäuse wollen wir einen Einblick in den fantastischen Naturraum des jüngsten österreichischen Nationalparks geben. Der Bilder- und Themenbogen spannt sich von den grandiosen Lebensräumen rund um das Wasser mit der wilden Enns, Bergbächen, Quellen und Feuchtwiesen, über Naturwälder, Bergmatten und Almen bis hin zu Ein- und Ansichten rund um die fantastischen Felstürme und Felsgestalten des Nationalpark.
Das Schutzgebiet "Nationalpark Gesäuse" soll sich durch seine einzigartige Landschaft und Artenvielfalt auszeichnen. Sichern bedeutet in diesem Zusammenhang den Ablauf der natürlichen Entwicklung zu gewährleisten und zu fördern, sowie die menschliche Nutzung in der Naturzone bewusst zurückzunehmen bzw. auf den Almen in der Bewahrungszone naturverträglich und ökologisch nachhaltig vorzunehmen.
Oberstes Naturschutzziel in Nationalparks ist das Zulassen einer natürlichen Entwicklung. Dies führt manchmal zu unerwarteten Ergebnissen, da sich „Natur“ nicht oder nicht exakt vorherbestimmen lässt. Daher ist es notwendig, die Entwicklungen genau zu dokumentieren und – nur wenn unbedingt notwendig - regulierend einzugreifen.
Weiters wird versucht, natürliche Lebensgemeinschaften, die etwa durch die Bewirtschaftung des Menschen stärker verändert wurden, wiederherzustellen. Beispiele dafür sind im Nationalpark Gesäuse die Überführung von naturferneren Waldmonokulturen in standortsgerechte natürliche Mischwälder.
Da in Nationalparken ein möglichst ungestörter Ablauf der natürlichen Entwicklung erfolgen soll, stellen sie ideale Räume für bestimmte Forschungsaufgaben dar, wie z.B. im Rahmen von Dauerbeobachtungsprogrammen zur Dokumentation von Veränderungen der Lebensräume. Die Naturschutzpraxis im Nationalpark erfordert häufig eine wissenschaftliche Argumentationshilfe für konkrete Projekte wie z.B. die Wiedereinbürgerung von Tier- und Pflanzenarten, z.B. für die deutsche Tamariske auf den Schotterbänken der Enns.
Der Schutz der Arten betrifft dabei nicht nur den derzeitigen Bestand, sondern es wird in unserem Nationalpark durch verschiedenste Artenschutzprojekte auch bereits verschwundenen Arten wieder eine Heimat geboten. Voraussetzung für erfolgreiche Artenschutzprojekte ist aber, dass die natürlichen Abläufe innerhalb der Lebensräume mit ihren komplexen Lebensgemeinschaften sichergestellt werden und nicht gestört werden.
Wir wollen mit diesem Buch daher auch einen Einblick in einige unserer Maßnahmen zur Erhaltung natürlicher Lebensräume und in verschiedenste Forschungsvorhaben im Nationalpark geben, die im Rahmen des Fachbereiches „Naturschutz/Naturraum“ unter der Leitung von Mag. Kreiner sowie im Rahmen des Fachbereiches „Wald und Wildtiermanagement“ mit ihrem Leiter DI Holzinger, dem Direktor der Stmk. Landesforste umgesetzt werden.
In den letzten 150 Jahren hat sich der weltweite Verlust an biologischer Vielfalt besorgniserregend beschleunigt. Experten schätzen, dass die Geschwindigkeit des Artensterbens durch menschliche Einflussnahme gegenüber dem natürlich bedingten Aussterbeprozess um das 1.000 bis 10.000fache beschleunigt wurde. Die Weltnaturschutzunion IUCN listet heute ca. 12.000 Arten, die weltweit vom Aussterben bedroht sind auf.
Dass auch Österreich hinsichtlich des Artenverlustes keine Insel der Seligen ist, beweist allein schon die Statistik. Knapp 3.000 Tierarten sind österreichweit in Roten Liste als gefährdet eingestuft – mit steigender Tendenz. Von den erfassten Pflanzenarten werden rund 40 Prozent verschiedenen Gefährdungsgraden zugeordnet und von den 97 Säugetierarten finden sich rund die Hälfte und von den Amphibien sogar 100% auf der Roten Liste.
Der biologische Reichtum in Österreich schwindet - ein Verlust, der auch uns Menschen trifft, da wir ja selbst ein Teil dieses Systems sind und Verantwortung für dieses „Naturerbe“ tragen sollten zumal menschliches Leben in hohem Maß von natürlichen Ressourcen abhängig ist.
Diese dramatischen Zahlen unterstreichen die enorm wichtige Bedeutung tausender Schutzgebiete weltweit. Für Österreich stellen unsere sechs Nationalparks, die rund 3% der Staatsfläche einnehmen, einen außerordentlich bedeutenden Beitrag dar, den Verlust der Arten- und Lebensraumvielfalt zu verringern.
Ziel sollte jedoch sein, den Verlust biologischer Vielfalt weltweit zu stoppen. Innerhalb der europäischen Union wurde 2001 das Ziel festgelegt, den Verlust der biologischen Vielfalt bis zum Jahr 2010 zu stoppen, auf dem Weltgipfel für Nachhaltige Entwicklung in Johannesburg im Jahr 2002 haben sich Staats- und Regierungschefs ebenfalls zu diesem ehrgeizigen Ziel verpflichtet.
Ich bedanke mich bei allen Autoren und Fotografen dieses Buches, insbesondere bei meinen Kollegen Mag. Daniel Kreiner und Dr. Lisbeth Zechner für ihre Textbeiträge sowie bei Herfried Marek und Toni Kerschbaumer für die fantastischen Naturaufnahmen und ihr großes Engagement.
Lassen Sie sich durch dieses Buch überzeugen, wie wunderschön, vielfältig und facettenreich unser Nationalpark ist und welche Bedeutung unser Naturraummanagement für den Erhalt der Lebensräume und Artenvielfalt im Gesäuse hat. Natürlich laden wir Sie ein, den Nationalpark Gesäuse nicht nur in Form dieses Bildbands zu erleben, sondern der Natur im Gesäuse auch einen persönlichen Besuch abzustatten und sich „Zeit für Natur“ zu nehmen.